Erfahrungsbericht eines hochgradig sehbehinderten 25-jährigen Mannes
Selbstständigkeit und Begleitung. Betrachten wir diese zwei Worte, denken wir sofort an einen Gegensatz. Selbstständig heisst ja etwas zu tun, ohne fremden Einfluss, ohne fremde Bestimmung also mit eigenen Kräften. Doch was wenn die Person wie in unserem Beispiel eine Sehbehinderung hat oder sogar blind ist? Wie bleibt sie trotz den äusseren Einflüssen selbstständig, bestimmt also selber, was sie tun will oder nicht? Traut die Gesellschaft ihr das zu? Ich als betroffene Person kann sagen, dass es möglich ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen mit einem sehr hohen Selbstständigkeitsgrad, der nicht weit entfernt ist von einem sehenden Mitmenschen. Es kommt aber stark darauf an, was der Betroffene bereit ist zu investieren und wie er von seinem Umfeld begleitet wird. Hier wird schnell klar, dass eine gezielte Begleitung durch das Umfeld und Fachpersonal in die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit führt. Genau hier setzt die Arbeit von Mobile – Begleitetes Wohnen an.
Ich kann mich noch genau erinnern, als ich im Oktober 2009 hierher zog. Ich war in einer neuen Stadt in völlig neuen Strukturen. Denn früher auf der AussenWohngruppe der Blindenschule Zollikofen wurde gekocht und Grundnahrungsmittel waren da. Ich musste nebst meiner Ausbildung nur ein paar Mal wöchentlich gewisse haushälterische Tätigkeiten tun, wie kochen, putzen. Gekocht wurde damals für die ganze Wohngruppe. Dabei war man auf Hilfe angewiesen. Denn wäre beispielsweise etwas verbrannt, hätte es nichts zu essen gegeben. Darum schaute immer ein Sozialpädagoge, dass alles sicher gelang. Ich merkte, als ich kurz vor dem Austrittstermin war, dass ich mich noch unsicher fühlte. Ich muss in eine Wohnung und will wissen, wo ich mir welche Unterstützung holen kann. Ich will wissen, was für mich im Haushalt möglich ist. Ich will wissen, ob ich mich in einer neün Umgebung ohne viel Hilfe schnell zu recht finden kann. All diese offenen und wichtigen Fragen zogen mich ins Mobile – Begleitetes Wohnen nach Zürich. Hier durfte ich selber bestimmen, was ich esse, was ich auf Vorrat habe, ja sogar welche Putzmittel ich verwenden möchte.
Ich habe mir konkret überlegt, was ich am Ende der Mobile-Zeit können will und so werde ich punktüll Schritt für Schritt an mein Ziel geführt. Ich möchte nun mit einem Beispiel aufzeigen, wie das in etwa funktioniert: Ich möchte lernen, mir kleine Mahlzeiten zu kochen. Als erstes wähle ich ein Rezept aus, beispielsweise Rösti. Ja, auch wenn es Fertigrösti ist, als blinde Person muss einem gezeigt werden, wie man so ein Ding zubereitet. Wir können leider die Bilder schlecht entziffern. Das erste Mal wird nun mit mir so ein Pack Rösti gekocht, damit ich weiss, wie man das machen muss. Jetzt habe ich die weiteren Tage bis zum nächsten Termin Zeit, unter anderem diese neu erlernte Mahlzeit zu kochen. Hier wird es erst interessant. Jetzt sagt niemand mehr, ob ich z.B. zuviel Fett in die Pfanne gebe. Dies führt dann zu interessanten Erfahrungen. Bleiben wir beim Beispiel von zu vielem Fett in der Pfanne. Als ich also die Rösti nun alleine kochte und in die Pfanne gab, wo etwas mehr Fett als nötig enthalten war, erklangen für mich plötzlich ganz neue Geräusche. Die Rösti verwandelte sich in ein lebendiges Feuerwerk, es knallte und spickte schön herum. Am Ende meines Kochvorganges war meine erste Rösti etwas zu braun geraten und die Küche sah ziemlich benutzt aus. Nach einer sorgfältigen Putzaktion war für mich klar, beim nächsten begleiteten Kochtermin besteht Optimierungsbedarf. Nun haben wir das Problem analysiert und ich habe es mit Butter versucht und zwar genau einem Kaffeelöffel. Diese Rösti war jetzt wirklich optimal und das Feuerwerk blieb dieses Mal auch aus. Nun weiss ich, dass ich für die Bernerrösti aus dem Coop immer einen Kaffeelöffel Butter als Fett in die Pfanne geben und 14 Minuten auf Stufe 6 braten muss. Ach ja, damit wir beim Herd wissen, wie heiss wir kochen, haben wir drei Markierungspunkte am Drehschalter befestigt. So können wir ziemlich genau die Kochstufe einstellen.
Das ist nur ein kleiner Ausschnitt, denn der eigene Haushalt und die Bestimmung des eigenen Lebens gehen natürlich viel weiter.
Daniele Corciulo
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