Der Wunsch nach einer eigenen Wohnung stellt blinde oder sehbehinderte junge Menschen häufig vor ein grosses Problem. Sie müssen lernen, selbständig einen Haushalt zu führen. Aber auch ältere Personen, deren Sehvermögen beispielsweise durch einen Unfall eingeschränkt ist, haben Schwierigkeiten sich auf die neue Lebenssituation umzustellen. mobile in Zürich-Oerlikon bietet für Betroffene begleitetes Wohnen in kleinen Wohngemeinschaften an, wo sie von Fachpersonen in ihrer Alltagsbewältigung unterstützt werden. Dieses Konzept ist bis jetzt einzigartig in der Schweiz.
Manuel Bär
Eine junge Frau geht bei einer Post zielstrebig auf den Briefkasten zu, wirft einen Brief ein und hebt anschliessend am Postschalter Geld ab. Eine alltägliche Szene. Für die meisten Menschen ist es problemlos möglich, gleichzeitig am Handy ein SMS einzugeben oder sich zu überlegen, wem sie was zu Weihnachten schenken sollen. Für Fleta, so heisst die junge Frau, bedeutete das Einstudieren dieser Abläufe ein wochenlanges Training mit einer Mobilitätstrainerin - denn sie ist seit ihrem zehnten Lebensjahr blind.
Fletas Augen wurden im Brutkasten durch zuviel Sauerstoff derart geschädigt, dass sie seither sehbehindert ist. Ein bekanntes Phänomen. Die Behinderung verschlimmerte sich und führte zur vollständigen Erblindung.
Als Fleta aus Kosovo-Albanien zu ihren Eltern in die Schweiz reiste, war sie 16 Jahre alt. Nach der Schulzeit wohnte sie in einem Heim mit angegliederter Werkstatt, wie schon oft in ihrem Leben. "Aus überbehütung und Mitleidsgefühlen wird den Blinden und Sehbehinderten oft zuwenig zugetraut", erzählt sie aus Erfahrung. "Das Leben in einem Heim ist angenehm, man wird Tag und Nacht umsorgt und es werden einem viele Entscheidungen und Verantwortungen abgenommen." Doch die Auswirkungen auf das Leben sind unangenehm - die Betroffenen werden zur Unselbständigkeit erzogen.
In einer grossen Familiensiedlung in Zürich-Oerlikon setzt mobile genau an diesem Punkt an, indem sie in drei Wohnungen für sechs Personen begleitetes Wohnen anbieten. Die als zweier oder dreier WGs eingerichteten Wohnungen befinden sich in einem offenen, familiären Quartier in dem Anonymität ein Fremdwort ist. Es ist das erste und bisher einzige Angebot dieser Art in der Schweiz. Fachpersonen begleiten junge blinde und sehbehinderte Menschen auf ihrem Weg zwischen der Vollversorgung in einem Heim und der Selbständigkeit in einer eigenen Wohnung. Die BewohnerInnen lernen, ihr Leben selbst zu organisieren, damit sie in ein paar Jahren ihre eigene Wohnung führen oder sich in einer "normalen" WG integrieren können. Alle drei Monate werden individuelle Ziele definiert. Für Fleta stand am Anfang beispielsweise Kochen auf dem Programm. Einige Konzentration erfordert bereits der Glaskeramik-Herd, auf dem die Heizflächen nicht so leicht zu unterscheiden sind wie bei herkömmlichen Gussplatten. Üblich wie in jeder WG ist auch eine Haushaltsplanung. Darum ist die Wohnungsreinigung ein wichtiges Ziel, denn für die blinden und sehbehinderten Menschen ist es logischerweise schwierig den Schmutz zu erkennen. Die BewohnerInnen lernen zudem selbständig ihre Einzahlungen zu machen oder ihre Freizeit zu gestalten. Dazu gehört auch das Einüben von Wegstrecken, sei es zur Arbeit, zum Einkauf oder einfach um die leeren Flaschen zu entsorgen. "Wir bieten gezielte Unterstützung im Alltag und legen dabei sehr hohen Wert auf die Eigenverantwortung." präzisiert Monika Leemann, welche zusammen mit Beatrice Acuņa, die selbst sehbehindert ist, die Co-Leitung innehat. "Das kann soweit gehen, dass wir bei Nichtbezahlen der Telefonrechnung nichts unternehmen, bis der Betroffene mit einem gesperrten Anschluss konfrontiert wird." Sie vergleicht den Schritt in die Selbständigkeit mit einem Sprung ins kalte Wasser. "Wir sorgen dafür, dass das Wasser nicht eiskalt und das Sprungbrett nicht so hoch ist!"
Unter der Trägerschaft der Stiftung Mühlehalde öffnete mobile seine Wohnungen im Jahr 2001. Voraussetzung für einen Eintritt ist ein klarer Wunsch nach einem eigenen Haushalt und die Motivation zum Lernen. Nach dem Schnuppern und einer Probezeit empfiehlt mobile einen Aufenhalt von mindestens sechs Monaten. Eine maximale Aufenthaltsdauer gebe es nicht, betont Monika Leemann. Doch der Stand und das Bedürfnis nach Eigenständigkeit werde regelmässig überprüft. Für Fleta ist es noch nicht ganz so weit, aber Pläne hat sie viele für die Zukunft. "Zuerst will ich die Brailleschrift vertiefen, damit ich den Schulabschluss nachholen kann, welcher nötig ist für eine weitere Ausbildung." erklärt die 25-jährige selbstbewusst. Zieht sie dann eines Tages in eine eigene Wohnung oder eine WG, wird sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Um optimale Bedingungen am neuen Wohnort zu schaffen, wird Fleta anfangs von mobile-Mitarbeitern unterstützt. Sie kann auch weiterhin auf deren Hilfe zählen.
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